Podcast — Folge 2
Empathie als Mitgefühl und Compassion
Empathie ist nicht dasselbe wie Mitleid. Das Wort „Mitgefühl“ trifft ihr Wesen viel besser. Empathie ist Mitgefühl als echtes Mit-sein. Was dich bewegt, bewegt mich jetzt auch. Noch umfassender gibt der mittlerweile viel verwendete Begriff „Compassion“ wieder, was wir heute unter Empathie verstehen. Ohne Compassion bleibt die Empathie unvollständig. Man kann Compassion mit „Erbarmen“ übersetzen. Ich fühle nicht nur mit, sondern es veranlasst mich auch, dir zu geben, was du jetzt brauchst. Compassion ist dasselbe wir Caring und Caring ist das Herz aller wirklich menschlichen Care.
Kapitel
- Pod2 Sz1
- 3:47 Pod2 Sz2
- 5:59 Pod2 Sz3
- 7:46 Pod2 Sz4
Transkript anzeigen
Hallo und willkommen. Ich bin Hans-Arved Willberg. Dies ist der zweite Podcast in meiner Reihe, die in engem Bezug zu den vier Modulen unserer Care Facilitator Ausbildung steht. Das Thema von Modul A ist achtsam Leben, von Modul B bewusst Steuern. Modul C heißt Care gestalten und Modul D Demokratisch Denken. Parallel zur Podcastreihe erstellen wir auch eine Videoreihe mit demselben Bezug auf PeerTube. Dorthin und zu allen sonstigen Informationen über MISA und unsere Care Facilitator Ausbildung findest du über M-ISA.eu.
In diesem Podcast geht es um das Thema Empathie. Dazu gibt es auch bereits einen Videobeitrag mit dem Titel „Empathie macht Menschen menschlich". Ich erzähle dir jetzt etwas über Empathie als Mitgefühl und Compassion. Wirkliches Mitgefühl entsteht durch Einfühlung. Wenn du von einer Person sagst, dass sie einfühlsam ist, was meinst du damit? Ich würde es so beschreiben. Sie nimmt auf eine erkennbar freundliche Weise das auf, was mich bewegt. Das Aufnehmen zeigt sich daran, dass sie das, was mich bewegt, jetzt auch bewegt.
Sie nimmt wirklich teil an dem, was mich bewegt, und so, wie es geschieht, tut es mir gut. Ich bin dankbar dafür. Mitgefühl durch Einfühlung ist ein Hauptbestandteil von Empathie. Und Mitleid? Es könnte sein, dass du zu mir sagst, auf dein Mitleid kann ich verzichten. Und dass du dafür einen guten Grund hast, weil es ein Mitleid ohne Einfühlung wäre. Ich demütige dich durch mein Mitleid, weil ich mich überlegen fühle. Es kommt von oben herab.
Ich scheine besser zu wissen als du selbst, wie es dir geht und was du brauchst. Ich scheine es gar nicht nötig zu haben, überhaupt erst einmal auf deine Wellenlänge zu kommen. Solches Mitleid ist zu billig und anmaßend. Es kann aber auch sein, dass ich mich mit dir auf eine Weise identifiziere, die weder dir noch mir gut tut. Ja, ich lasse bei mir ankommen, was dich bewegt. Aber ich interpretiere es falsch, weil ich so tue, als sei deine Erfahrung meine eigene. Du hast Angst?
Ich bilde mir ein, genau zu wissen, worum es dabei geht. Ich weiß, wie das ist, sage ich, um dich aufzumuntern. Weiß ich es wirklich? Angst ist Angst, das kenne ich vielleicht so gut wie du. Aber was für eine Angst das jetzt für dich ist, und welche Bedeutung sie für dich gerade hat, davon mache ich mir womöglich ganz falsche Vorstellungen. Ob Mitleid guttut oder nicht,
hängt davon ab, ob ich weiß, was du wirklich brauchst. Aus deiner Sicht. Und ob du es überhaupt brauchen kannst, wenn ich es dir gebe? Was motiviert mich eigentlich dazu? Will ich durch ein bisschen sentimentale Zuwendung mein schlechtes Gewissen beruhigen? Meine ich unbedingt dein emotionales Leid stillen zu müssen, weil ich es nicht ertragen kann? Bewerte ich es übermäßig dramatisch, weil ich selbst mit einer ähnlichen Emotion nicht zurechtkomme und deinen Zustand damit gleichsetze?
Echtes Mitgefühl ist nicht mehr und nicht weniger als Mitgefühl. Ich fühle mit dir, ich bin mit dir, ich bin bei dir. Es macht etwas mit mir. Was du fühlst, fühle ich auch. Was dir wehtut, das tut auch mir weh. Aber ich freue mich auch mit dir. Doch auch wenn ich ganz bei dir bin, bleibe ich zugleich auch ganz bei mir. Es geht mir um dich.
Es ist dein Zustand, auf den ich mich einlasse. Unter dieser Voraussetzung kann Mitleid aus dem Mitgefühl hervorgehen. Oh Mann, du tust mir echt leid. Was kann man denn da nur machen? Wenn es meinem Mitleid aber darum geht, wirkliches Mitempfinden gar nicht erst aufkommen zu lassen oder wenn es sich darin verliert, mich auf unangemessene Weise mit dir zu identifizieren, steht es sogar im Gegensatz zum Mitgefühl. Das wird noch deutlicher, wenn wir einen weiteren Begriff hinzuziehen,
der zum Bedeutungsspektrum von Empathie gehört. Empathie und Compassion in enge Verbindung zu bringen, ist in Wissenschaft und Öffentlichkeit modern geworden. Wenn man einfach nur die übliche Übersetzung des englischen Wortes für sich betrachtet, ist damit nichts gewonnen. Compassion kann Mitleid oder Mitgefühl heißen. Aber es hat noch eine dritte Bedeutung, und auf die kommt es hier an: Erbarmen.
Unsere deutschen Worte Erbarmen und Barmherzigkeit spielen eine große Rolle im traditionellen christlichen Wortschatz. Compassion knüpft hier nahtlos an. Aber die Tatsache, dass sich der Begriff im humanwissenschaftlichen Diskurs eingebürgert hat, bereicherte seine Bedeutung mit den neueren Befunden aus der Empathieforschung. Compassion als neues Wort für Erbarmen vereint die Empathie mit der aktiven Zuwendung. In enger Nachbarschaft zur Empathieforschung beschäftigen sich derzeit die Humanwissenschaften auch ernsthaft mit der Frage, was man eigentlich unter einem Sorgen für andere zu verstehen hat,
das denen, die es erfahren, möglichst gut tut. Hintergrund der dringlichen Fragestellung ist die erschreckend häufige Feststellung, dass die unbestreitbaren Wohltaten des Sozial- und Gesundheitswesens sehr von Maßnahmen und Unterlassungen des Sorgens überschattet werden, die den Menschen nicht nur wenig helfen, sondern schaden. Auch für das Spektrum der Methoden und Einrichtungen des Sorgens haben wir uns ein neudeutsches Wort angeeignet. Wir sagen einfach Care dazu. In Übereinstimmung mit dem gesunden Menschenverstand belegen die Forschungsbefunde heute so deutlich wie noch nie:
Das Herz aller Care ist das Caring. Und das heißt: Caring ist nichts anderes als Compassion. Compassion heißt einerseits, sich Sorgen zu machen aus Mitgefühl und echtem Mitleid. Andererseits heißt es aber auch, daraus ein dem Mitgefühl entsprechendes Sorgen für die anderen werden zu lassen. Mit dem entschlossenen Ziel, ihre Situation so deutlich zu verändern, dass sie sich wieder ihres Lebens freuen können, sofern das möglich ist. Compassion heißt, sich unter die Last des anderen zu stellen, nicht um mit ihm oder an seiner Stelle darunter zusammenzubrechen,
sondern um die Herausforderung dieser Last erfolgreich zu bewältigen. Es ist sehr bedenkenswert, dass der Apostel Paulus dieses Prinzip im Neuen Testament das Gesetz Christi genannt hat. Mit anderen Worten, das wollte er als den Zentralpunkt aller christlichen Ethik verstanden wissen. Der stoische Philosoph Seneca, Zeitgenosse von Paulus, stand dem lateinischen Wort Misericordia für Erbarmen, das die Christen gebrauchten, noch skeptisch gegenüber. Denn es hatte bis dato für die Römer die Hauptbedeutung Mitleid. Und das war für sie noch mehr als für uns ambivalent.
Es hatte sich aber noch kein alternatives Wort für Mitgefühl und Erbarmen eingebürgert. Seneca hat viel Schönes und Wahres über Mitgefühl und Compassion geschrieben. Aber er musste das mit anderen Begriffen als mit Misericordia zum Ausdruck bringen. Vor allem gebraucht er das Wort Wohltat dafür: Benefizium. Idealerweise, so sagt Seneca, ist achtsames Mitgefühl so sorgsam, dass es gar nicht erst zu den Notlagen kommt, die das Mitleid heraufbeschwören. Darum, so zitiere ich, muss man erraten, was sich ein jeder Mensch wünscht, und ihn, wenn man es erkannt hat, von der sehr belastenden Notwendigkeit des Bittens befreien.
Man sollte, um ihn vor Demütigung zu schützen, seinen beschämenden Bitten zuvorkommen, schreibt Seneca. Auf Lateinisch heißt das bei ihm praevenire. Von daher kommt unser Wort Prävention. Wir dürfen folgenden Schluss daraus ziehen. Compassion kümmert sich nicht nur um eingetretenen Schaden, sondern antizipiert ihn auch. Compassion und Caring ist etwas Ganzheitliches.
Es geht um die Liebe.