Folge 1: Lasst uns careful reden über Care

Podcast — Folge 1

Lasst uns careful reden über Care

12.06.2026 — 15:54

Dieser Beitrag ist die Einführung einer fortlaufenden Reihe zu den Themen der Care Facilitator Ausbildung von M/ISA. Ich möchte mich mit Euch darauf verständigen, warum die folgenden Podcasts (und Videos auf Peertube) den Anspruch ehrheben, nicht nur irgendeine Meinung zu vertreten oder, schlimmer noch, manipulative Halbwahrheiten bis hin unhaltbaren Aussagen, sondern seriös und glaubwürdig sein wollen. Dazu vermittle ich Euch als Sozial- und Verhaltensforscher und Philosoph eine Hand voll Wissenschaftstheorie. Das heißt: Welche Kriterien sind erforderlich, damit so gut wie möglich gewährleistet ist, dass die Aussagen nachvollziehbar, nachprüfbar und wissenschaftlich konsensfähig sind?

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Hallo und Willkommen, ich bin Hans-Arved Willberg. Mit diesem Podcast beginne ich eine Reihe, die in engem Bezug zu den vier Modulen unserer Care Facilitator Ausbildung steht. Das Thema von Modul A ist achtsam Leben. Von Modul B bewusst Steuern. Modul C heißt Care gestalten und Modul D Demokratisch Denken. Parallel zur Podcastreihe erstellen wir auch eine Videoreihe mit demselben Bezug auf PeerTube. Dort hin und zu allen sonstigen Informationen über MISA und unsere Care Facilitator Ausbildung findest du über M-ISA.eu. Wir reden über Care. Wir wollen carefull reden über Care. Als Einleitung zu den weiteren Themen möchte ich vermitteln, was ich damit meine.

Das heißt, was ich mir unter seriöser Argumentation vorstelle. Es soll uns um die Wahrheit gehen. Es ist nicht wahr, dass es keine verbindliche Wahrheit gibt. Wahrheiten sind keine Meinungssachen, sondern Tatsachen. Aber wie können wir feststellen, was wahr ist? Wenn ich seriös argumentieren will, muss mir klar sein, dass ich Behauptungen aufstelle. Ich mag mir sehr sicher sein, weil das, was ich sage, entweder der Logik oder dem wissenschaftlichen Konsens entspricht. Logisch richtig ist zum Beispiel, dass 2 plus 2 vier ergibt.

Das müsste eigentlich jedem einleuchten. Es ist ganz einfach wahr. Aber auch komplizierte mathematische Gleichungen folgen genau derselben Logik. Bloß ist sie nicht mehr für jedermann einsehbar. Wer nun weiß, dass sie richtig sind, muss einräumen, dass die meisten anderen nur eine Behauptung erkennen, von der sie nicht wissen, ob sie richtig ist. Abgestuft gilt das auch für den wissenschaftlichen Konsens. Eindeutige mathematische Logik braucht ihn nicht, um recht zu haben, denn sie spricht für sich. Aber sie braucht ihn, damit eine gemeinsame Basis entsteht, auf der sie vernünftig weiter forschen lässt.

Und sie braucht ihn, wenn es um Befunde geht, die nicht unmittelbar aus der mathematischen Logik hervorgehen. Was meine ich damit? Ich will sagen, die meisten wissenschaftlichen Befunde gehen nicht unmittelbar aus mathematischer Logik hervor. Sie setzen sich aus verschiedenen Aspekten zusammen, die miteinander abgeglichen werden. Vieles wird exakt gemessen, damit es mathematisch logisch ist. Aber dann wird gefragt, was das Gemessene bedeutet. Wissenschaft ist zum größten Teil Interpretation. Und bei Interpretationen kann es sich um Behauptungen handeln,

die durchaus nicht aus sich selbst heraus ihre Beweiskraft entfalten. Was unter dieser Voraussetzung behauptet wird, muss nicht weniger logisch richtig sein als 2 plus 2 gleich 4. Aber die logische Überzeugungskraft hängt jetzt von der Anschauung ab. Es muss dir aus deinem Blickwinkel genauso einleuchten können wie mir aus meinem und beliebig vielen weiteren Personen aus ihrem. Sonst ist es kein Wissen, sondern nur eine Meinung. Das 2 und 2 = 4 ist, darf ohne Rücksicht auf den Blickwinkel behauptet werden. Aber bei der viel komplexeren Einsicht, dass zum Beispiel der gegenwärtige Klimawandel

höchst bedrohlich für die Biologie des ganzen Globus ist, dass er zu großen Teilen durch uns Menschen verursacht ist und dass dies alles andere als unvermeidlich ist, sondern in hohem Grad unverantwortlich, da spielt der Blickwinkel eine große Rolle. In der Wissenschaft nennt man das Bias. Das englische Wort meint im Deutschen Einseitigkeit, Vor-Eingenommenheit und Vorurteil, Befangenheit, aber auch Vorliebe.

Vor-Eingenommenheiten sind nicht nur legitim, sondern auch unvermeidlich. Jede wissenschaftliche Hypothese ist eigentlich eine Vor-Eingenommenheit. Ich stelle eine Behauptung auf, von der ich noch nicht weiß, ob sie stimmt. Aber meiner Vor-Eingenommenheit wegen glaube ich es. Jeder hat das Recht zu behaupten, was er will, behaupte ich. Aber wenn er einen Wahrheitsanspruch damit verbindet, muss er gute Argumente haben, die ihn begründen. Es gibt Leute, die immer noch behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist.

Ja, tatsächlich, das dürfen sie. Aber sie haben absolut keine Chance auf einen wissenschaftlichen Konsens. Wenn ein Konsens wissenschaftlich sein soll, und das heißt ganz einfach, wenn er glaubwürdig sein soll, dann muss es überzeugend gute Argumente für die Behauptungen geben. Wenn jemand behaupten will, dass die Erde eine Scheibe ist und meint, wirklich gute Argumente dafür zu haben, nun ja, dann hat er die Pflicht, sie in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen,

damit ersichtlich wird, ob sie konsensfähig sein könnten. Das Kriterium dafür ist, ob seine Argumente logisch für möglichst viele vernünftig denkende Menschen nachvollziehbar und am besten auch noch empirisch zu belegen sind. Empirisch belegen heißt, man kann irgendwo hingehen und nachmessen, was behauptet wird. Wer sich diese Mühe nicht macht, muss auch nicht ernst genommen werden. Der jüngst von uns gegangene Philosoph Jürgen Habermas

hat dieses Prinzip den zwanglosen Zwang des besseren Arguments genannt. Ich halte das für eine sehr schöne Formulierung. Eigentlich logisch, oder? Wo das ernst genommen wird, muss man sich überhaupt nicht gegenseitig angreifen. Streiten kann man das unter Umständen schon nennen, wenn darüber diskutiert wird, ob etwas konsensfähig ist oder nicht. Aber wenn alle Diskussionsteilnehmer bereit sind,

sich dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu fügen, kann die Auseinandersetzung ganz ohne Aggression und Kränkung bleiben. Übrigens auch in der Politik und überall, wo nicht von vornherein klar ist, was richtig und was falsch ist. Meist ist die Wahrheitssuche ein Prozess. Manches ist selbst evident. Es spricht aus sich selbst heraus. Manches ist schon komplex, aber doch ohne weiteres einleuchtend.

Und wieder anderes können nur versierte Fachpersonen beurteilen. Einer von denen, die sich in den Kognitionswissenschaften die ergiebigsten Gedanken darüber gemacht haben, warum es so schwer zu sein scheint, auf der Spur der Wahrheit zu bleiben, und wie es sein kann, dass so unglaublich viel Unsinn – und leider auch sehr gefährlicher und mörderischer Unsinn – als Wahrheit ausgegeben werden kann,

war der 2024 im Alter von 90 verstorbene israelische Nobelpreisträger Daniel Kahneman. Kahneman zeigte auf, dass es zwei Hauptprobleme gibt, die zu Fehlurteilen führen. Bias – das hatten wir schon – und Noise. Mit Bias ist hier aber nicht die notwendige Voreingenommenheit gemeint, von der ich gerade gesprochen habe,

sondern das unreflektierte Festhalten an Vorurteilen. Noise ist hier mit Rauschen zu übersetzen. Das sind Urteile, deren Herkunft nicht auf den Punkt zu bringen ist. Wenn zum Beispiel fünf Ärzte beim selben Fall eine andere Diagnose stellen – warum tun sie das? Das wird irgendwie diffus. Es kommt sozusagen nur ein Rauschen dabei heraus und kein klarer Klang. Günstige Voraussetzungen für möglichst wenig Bias und Noise

sind Kahneman zufolge Erfahrung, Intelligenz, gute Bildung und beständige Lernbereitschaft, Offenheit, auch zur Korrektur, Selbstkritik. Zur guten Bildung gehört bei komplexen wissenschaftlichen Fragestellungen auch hochqualifiziertes Expertenwissen. Es wäre anmaßend, wenn ich behaupten wollte, dass diese Voraussetzungen bei mir in jeder Hinsicht sehr ausgeprägt vorhanden sind.

Oh nein, vor allem betrifft das mein Expertenwissen. Eine Ahnung von etwas haben, sich ganz gut in einem Fachgebiet auskennen und eine führende Position in einem Forschungsfeld einzunehmen – das sind unvermeidliche Abstufungen. Warum habe ich eine Ahnung von der Sache? Weil ich einer Person zugehört habe, die sich ganz gut auskennt. Warum kennt sie sich ganz gut aus?

Weil sie von Personen gelernt hat, die eine führende Position in dem Forschungsgebiet einnehmen, das den Sachverhalt bearbeitet. Anders lässt sich Wissen nicht vermitteln. Kahneman räumt ein, dass darum viele Expertenurteile für die meisten Menschen nicht überprüfbar sind. Die Vermittlung und Akzeptanz

von Expertenwissen beruht auf Vertrauen. Unser Vertrauen in Fachleute gründet sich, schreibt Kahneman, ich zitiere, „voll und ganz auf dem Ansehen, das sie bei ihren Kollegen genießen." Ich sage zum Beispiel, das ist eine anerkannte Fachperson. Das heißt, es besteht ein weitgehender

wissenschaftlicher Konsens, dass entweder stimmt, was sie sagt, oder dass es jedenfalls ernst zu nehmen und bedenkenswert ist. Ich zitiere weiter Kahneman: „Wir nennen sie Respektexperten." Und er fährt fort: „Das Wort ist nicht abschätzig gemeint.

Die Tatsache, dass bei einigen Experten die Genauigkeit ihrer Urteile nicht überprüft wird, ist keine Kritik." Warum nicht? Na ja, weil es gar nicht anders geht. Zwei Aspekte begründen nach Kahneman die Glaubwürdigkeit

von Respektexperten. Zum einen, ich zitiere wieder, „die Existenz gemeinsamer Normen beziehungsweise berufsständischer Standards." Das ermöglicht Glaubwürdigkeit im Kollegenkreis. So entsteht Konsens. Die Urteile dieser Experten

sind nachvollziehbar im Kollegenkreis. Zum anderen zeichnen sich Respektexperten dadurch aus, dass sie besonders gut ihre Befunde im Zusammenhang eines größeren Ganzen sehen und darstellen können. Sie haben ein Puzzleteil gefunden und sie können sagen, wo sein Platz

im Gesamtbild einer Forschungsangelegenheit ist und welche Bedeutung es darum hat. Das lässt sich auch populärwissenschaftlich vermitteln, und um das dann zu begreifen, muss man nicht selbst der Experte sein. Ein Beispiel dafür ist das, was ich gerade über Kahneman gesagt und von ihm zitiert habe.

Er ist ein Respektexperte, dessen Bücher nicht nur verständlich genug vermitteln, was er herausgefunden hat, sondern auch, was es bedeutet. Das kann ich nachvollziehen und das macht seine Aussagen für mich glaubwürdig. Das heißt nicht, dass ich alles überzeugend finde, aber vieles und Wesentliches.

Dort wo ich anderer Ansicht bin, kann ich mich mit ihm auseinandersetzen und auch das bringt mich weiter. Den Respekt vor seinen Darlegungen würde ich nur verlieren, wenn ich wirklich wüsste, dass sie unlogisch, falsch und vielleicht sogar gelogen sind.

Wir wollen carefull reden über Care, carefull und mindful, also achtsam. Mit Respekt, lernbereit, immer offen für überzeugende Argumente, nicht als Besserwisser, nicht ohne Voreingenommenheiten, aber möglichst ohne Vorurteile,

die an der Wahrheit vorbeigehen. Wir werden kritisch über Care reden. Kritisieren heißt eigentlich unterscheiden. Wir wollen konstruktiv kritisch sein. Nur konstruktive Kritik ist ehrliche, wahrhaftige Kritik. Es gilt zu unterscheiden zwischen dem, was Respekt verdient,

weil es förderlich ist oder zumindest bedenkenswert, und dem, was falsch ist und schadet – und beides gehört genannt. Es reicht nicht, wenn wir es gut meinen. Wir müssen es auch gut machen. Das stelle ich mir unter seriöser Argumentation vor.

Das ist mein Anspruch für diese Podcastreihe. Es geht um die besseren Argumente und ich freue mich, wenn ich aus besseren Argumenten lernen kann, damit meine eigenen Argumente noch besser werden. Genauso freue ich mich, wenn du das auch so siehst. Das wäre es für heute. Tschüss und bis bald.